Wir müssen immer MEHR wollen, damit die Eintrittskarte nicht verfällt

© Katja Tropoja

 

„Der Bürgerstatus und die Bürgergesellschaft sind Errungenschaften der Zivilisation. Sie waren immer wieder gefährdet, überall unvollkommen aber doch zumindest möglich, weil sie immerhin hier und da wirklich waren und sind. Diese Errungenschaften bleiben jedoch so lange unbefriedigend, ja verstümmelt, wie sie mit dem Ausschluss anderer verbunden sind.“

 

 

(Ralf Dahrendorf : "Der moderne soziale Konflikt“, 1992)

 


Ralf Dahrendorf, Professor für Soziologie und zwischen 1969 und 1970 Mitglied des Bundestages, präsentierte mit seinem 1992 erschienenen Buch „Der moderne soziale Konflikt“ eine Sozialanalyse der Bürgergesellschaft. Demnach hat das Streben nach Erlangung von Grundrechten, sowie politischen und sozialen Rechten die Bürgergesellschaft überhaupt erst entstehen lassen und ist ein wichtiger Antrieb für deren Weiterentwicklung. Zur Stagnation komme es immer dann, wenn Konflikte innerhalb der Gesellschaft oder die Notwendigkeit für deren Austragung nicht mehr erkannt werden.

Autonome Institutionen schaffen Anrecht und Angebot

Aus historischer Sicht ging es neben dem Streben nach mehr Rechten auch immer um ein größeres, vor allem wirtschaftliches, Angebot. Vor allem im Konflikt zwischen Kapital und Arbeit bildeten sich Interessengruppen heraus, die den Kampf institutionalisiert führten, damit aus individuellen Wahloptionen echte Lebenschancen werden konnten. Deren Autonomie hält Dahrendorf für unerlässlich. Das einstige Klassengefüge ist mittlerweile aufgeweicht und jedem wird der Zugang zu Bürgerrechten formal gewährt. Eintrittsbarrieren sind jetzt überwiegend monetärer Natur, sowie durch mangelnde Mobilität und Flexibilität begründet. Sie entstehen durch Ausgrenzung aufgrund von Andersartigkeit.

 

Neben autonomen Institutionen ist der Wille des Einzelnen zur Gestaltung des eigenen und des gesellschaftlichen Lebens ein wesentlicher Bestandteil der Bürgergesellschaft. Der Wille allein reicht aber nicht, wenn die Eintrittskarte für die Teilnahme und Teilhabe am Gesellschaftsspiel fehlt. Wiederum ist die Eintrittskarte nutzlos, wenn kein Spiel geboten wird. Garantiertes Anrecht und wirtschaftliches Angebot müssen somit in einem angemessenen Verhältnis stehen. Das Nicaragua des Jahres 1986 bietet dafür ein anschauliches Beispiel: Das sandinistische Revolutionsregime war stolz darauf, das Überangebot für Wenige zugunsten eines Mangels für alle beseitigt zu haben.

 

Die formal hergestellte Bürgergesellschaft darf nicht durch faktische Barrieren durchzogen sein und gewährte Rechte sind nur wirksam, wenn man von ihnen auch Gebrauch macht. Sonst besteht die Gefahr, dass irgendwann sogar Grundrechte für überflüssig erachtet werden. Wenn der Einzelne faktische Begrenzung hinnimmt, obwohl sie formal nicht mehr existiert, bringt er damit langfristig alle und somit das Gesellschaftsgebilde insgesamt in Gefahr. Das geschieht vor allem dort, wo man sich über Jahrzehnte hinweg an institutionelle Interessenvertretung gewöhnt hat und sich in passiver Haltung einfach auf diese verlässt.

 „Es geht bei der Bürgergesellschaft um das schöpferische Chaos der vielen, vor dem Zugriff des (Zentral-)Staates geschützten Organisationen und Institutionen. (…) Der Staat überlässt den Einzelnen breite Bereiche des Lebens, so dass diese sich weder für noch gegen dessen Institutionen entfalten, um am Ende gemeinsam mit diesen und mit der Marktwirtschaft Lebenschancen zu befördern.“

 

 

(Ralf Dahrendorf : "Der moderne soziale Konflikt“, 1992)

 


Das Auseinanderfallen der Mehrheitsgesellschaft begründet den modernen sozialen Konflikt

Das Zerbröckeln einer offenkundig illusionär gewordenen internationalen Ordnung habe die Länder der Welt ungeschützt den Winden einer direkten Ausübung von Macht ausgesetzt, so Dahrendorf. Jeder löst seine Probleme selbst. Deshalb war es auch nicht die internationale Staatengemeinschaft, die das südafrikanische Apartheidsregime stürzte, sondern das musste von innen heraus geschehen. Internationale Anrechtsgarantien verloren an Bedeutung, einzelstaatliches Eigeninteresse trat in den Mittelpunkt. Allen voran standen und stehen dabei die USA.

Es gibt nicht stetig mehr für eine stetig wachsende Bevölkerung zu verteilen. Dahrendorf meint, dieser Prozess habe in den 1970er Jahren begonnen, als die Wachstumseuphorie an Dynamik verloren hatte:

 

 „Menschen hörten auf, von Regierungen viel zu erwarten. Sie schraubten ihre Erwartungen zurück. Der Großstaat wurde nicht demontiert, sondern von seinen Bürgern verlassen.“

 

 

(Ralf Dahrendorf : "Der moderne soziale Konflikt“, 1992)

 

Die in den 1980er und 1990er Jahren Sozialisierten sieht Dahrendorf aufgrund einer angespannten weltpolitischen Lage, fragwürdiger Wachstumsziele und instabiler Sozialpolitik desillusioniert. Er verwendet dafür den Begriff „neue Unübersichtlichkeit“: Eine Funktionsüberladung des Staates und ein Ungleichgewicht zwischen Anrechten und Angeboten.

 

Die Balance könne durch „eigene Zentren menschlicher Tätigkeit“ innerhalb der Bürgergesellschaft, die kulturelle Differenzen duldet und fördert, wieder hergestellt werden, so hoffte er. Ein Streben nach exklusiven Gesellschaften steht dem jedoch entgegen. Die Auflösung Jugoslawiens wäre hier als Beispiel anzuführen.

 

 

Gegen individuelle Bestrebungen, sich aufgrund enttäuschter Erwartungen und mangelnder Teilhabe aus der Gesellschaft zu verabschieden, nutzt auch ein ausgewogenes Verhältnis von Anrecht und Angebot nichts. Diese Menschen kommen im Gesellschaftsspiel einfach nicht zum Zug. Deshalb gibt es auch keinen Grund, sich an dessen Spielregeln zu halten. Neben der räumlichen Trennung vom Zugang zu Anrechten und Angeboten ist es ein Zustand der Lethargie und Resignation, der die Gesellschaft spaltet. Problematisch ist dabei, dass Institutionen kaum in der Lage sind, Einheit herzustellen. Wie soll man an die Gesellschaft glauben, wenn die Erfahrung etwas anderes gelehrt hat ?! Zudem kann es durchaus seinen Reiz haben, eine Gegenkultur zu entwickeln und nicht mehr dazugehören zu WOLLEN.

 

 

„In einem durchaus ernsten Sinn gilt die moralisch unerträgliche Feststellung, dass die Gesellschaft diese Menschen nicht braucht. In der Mehrheitsklasse wünschen viele, die Unterklasse möge einfach von der Bildfläche verschwinden.“

 

(Ralf Dahrendorf : "Der moderne soziale Konflikt“, 1992)

 

Abwehrmechanismen verhindern Lernprozesse

Ausgrenzung statt Nutzung des Potentials verschiedenartiger Lebensmodelle führt dazu, dass wir nicht mehr voneinander lernen. Damit werden nicht nur individuelle Chancen verbaut, sondern in der Folge auch die Entwicklungsoptionen von Gesellschaften insgesamt deutlich eingeschränkt. Langfristig erreicht dieser Prozess alle gesellschaftlichen Teilbereiche, auch die „Mehrheitsklasse“. Hier steht die Angst vor denjenigen, die nicht dazugehören im Vordergrund: Die „Minderheitenklasse“ und die kulturell Anderen. Damit verliert sie nicht nur ihre Vorbildfunktion, sondern auch ihr Selbstvertrauen, was häufig in Protektionismus mündet.

 

Wer sich etablieren und die erlangte Position beibehalten kann, gerät in Konflikt mit denjenigen, denen diese Fähigkeit aufgrund von Eintrittsbarrieren verweigert wird, die dieses Können verloren haben oder das gar nicht wollen. Jeder kann in beide Richtungen jederzeit auf- bzw. absteigen. Es gibt keine Sicherheit, sondern es herrscht große Durchlässigkeit. So sieht der moderne soziale Konflikt aus. Er nimmt kein Ende, sofern Teilgesellschaften es vorziehen, exklusiv zu sein, bzw. zu bleiben. Das erzeugt weder ein Können, noch ein Wollen. Das schafft weder Perspektive, noch Orientierung. Da hilft auch kein Gleichgewicht von Anrecht und Angebot weiter.

© Katja Tropoja

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